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Angst als Antagonist im Roman

Mittwoch, 2020-09-09 10:52, Eintrag von Diana
Kategorien: Candhun



In Gruselgeschichten ist häufig Angst ein Werkzeug, um Spannung zu kreieren. In Candhun dagegen ist Angst sogar der heimliche Antagonist.
Heimlich deshalb, weil es einen wütenden Inquisitor gibt, der sich in einen Rachegeist verwandelt und meine Protagonisten jagt.
Doch etwas ist seltsam an den erschreckenden Ereignissen! Rodrik wird mit jedem Erscheinen stärker und er verletzt meine Protagonistin auf der physischen Ebene. Wie soll sie da keine Angst entwickeln?
Das einzige Mittel dagegen ist das Vertrauen in ihre Freunde und die eigene Kraft.
In Candhun heißt es nicht Gut gegen Böse – sondern Vertrauen gegen Angst.
Natürlich ist Ella nicht die einzige, die gegen ihre Ängste kämpfen muss. Angst isoliert – Vertrauen verbindet. Es bedarf die Hilfe Vieler, das Geheimnis zu ergründen und eine Katastrophe abzuwenden.
Was mit Ella geschieht, ist nur der Spiegel des Schicksales ihrer Heimatinsel. Candhun zerfließt unbemerkt im Strudel der Anderswelt. Doch die Machthaber im südlichen Duria verfolgen ihre eigenen Ziele. Blind für das Geschehen stürzen sie das Land in einen Krieg mit fatalen Folgen.

Schon im Oktober startet die zweite Reihe Kurzromane. In Fels der Wünsche nimmt Ellas Reise noch einmal drastisch Fahrt auf.
Aber ich greife ja vor, denn am 17.9. und am 1.10. sind die Erscheinungstage für die letzten beide Teile aus Reihe 1.

Das zweite Buch aus Candhun: Fels der Wünsche schließt sich nahtlos an Schleier der Anderswelt an.
Nicht minder lyrisch und mit dem altbekannten Funken Humor treibe ich in dem aufwühlenden Folgeroman das Abenteuer auf den Gipfel einer hohen Klippe in dem mystischen Land der Wüstenwandernden.
Ich lade dich herzlich ein, Ella und ihren Freunden dorthin zu folgen und mit ihr einen weiteren Blick hinter das dünner werdende Tuch Vhochâls zu werfen.
Erschreckende Bilder aus Llews Vergangenheit und eine unfassbare Entscheidung bestimmen über die Liebe der Seherin zu ihrem menschlichen Fokus. Doch es steht mehr auf dem Spiel als die Gefühle einer Einzelnen. Die Freunde entschlüsseln einen Teil des Rätsels, das sich hinter den Ereignissen verbirgt und treffen am Fels der Wünsche auf einen uralten Feind.

Wenn du dich schon auf das nächste Abenteuer mit Ella freust, kannst du jetzt im Anschluss eine bisher unveröffentlichte Leseprobe aus Reihe 2 genießen:


»Arme höher!« Befahl Runa ihr. »Du bietest dich an, wie eine riesige Zielscheibe!«
Das Scheppern der gekreuzten Klingen, setzte sich schmerzhaft bis in Ellas Schultern fort.
»Du schlägst viel zu fest«, beschwerte sie sich zum wiederholten Mal, obgleich sie gelernt hatte, dass diese Ansage ihr nicht helfen würde. Ihrem Gefühl nach, war die Erkenntnis darüber das Einzige, was sich durch die morgendlichen Manöver gefestigt hatte. Die lange Doppelklinge sauste erneut auf sie zu. Erst links, dann rechts. Ihre Muskeln gaben den Versuch auf, genug Gegendruck leisten zu wollen. Ella krachte rückwärts und keuchend in den Strohhaufen am Ende der Scheune. Runa senkte eine Seite ihrer Waffe auf Ellas treuloses Schwert, gleichzeitig hob sie eine Braue, um Ella auf apodiktische Weise zu bedeuten, sich ihr erneut zu stellen.
»Lass gut sein, Runa«, erklang Énris Stimme im Scheunentor, »du überforderst sie. Oder willst du, dass deine Tochter wieder drei Tage heimlich vor dem Ofen übernachtet, weil sie die Stufen nicht mehr hochgehen kann?«
Ellas Dankbarkeit über den Versuch ihres Vaters überstrahlte die aufgedeckte Schmach um ein Vielfaches. Aus Angst, vorschnell einen Rest Leistungsfähigkeit zu signalisieren, den ihre Mutter ihr sofort austreiben würde, blieb sie liegen.
»Sie muss sich verteidigen können«, gab Runa barsch zurück, »und da sie nicht ehrgeizig genug üben wird, wenn ich fort bin, muss ich Vorarbeit leisten.«
Ella rappelte sich auf. »Doch ich verspreche es dir, Mâ«, murmelte sie ergeben, in der Hoffnung dem Frühstück damit einen Schritt näher zu kommen, »warum musst du unbedingt über das Winterfeuerfest weg sein?«
Diese Frage lenkte die gnadenlose Lehrmeisterin scheinbar ab.
»Ich unterstütze Llews Vater und Ayrîns Mann, das weißt du doch. Und wie wichtig es ist, dürfte dir auch bekannt sein. Cáelán-Ait ist alles andere als außer Gefahr.«
Zu spät bemerkte Ella ihre Gutgläubigkeit. Sie wollte das Schwert aufsammeln, zeitgleich rauschte Runas Attacke auf sie zu. Zumindest Ellas Instinkt die Waffe verteidigend zwischen sie zu bringen, war durch die Übungen erwacht. Gleich darauf wirbelte sie wieder zu Boden. Ella umklammerte ihr pochendes Handgelenk.
»Runa! Muskeln wachsen nun einmal nicht über Nacht.« Mahnend schritt Énri auf seine Frau zu und senkte ihren Schwertarm.

Kurz darauf befanden sie sich endlich auf dem Weg zum Frühstückstisch, wobei Ella sich ständig die zwickende Naht ihn ihrem Schritt zurechtrückte. Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, Hosen zu tragen.
Etwas später hatte sie sich des lästigen Übels um ihre Beine entledigt, um ihren neuen Rock nebst Jacke anzuziehen. Ihr Vater rief sie ins Arbeitszimmer. Er kam mit einem Packen in Leder gebundener Bücher, die durch eine Schnur zusammengehalten wurden, auf sie zu.
»Das sind Tagebücher deiner Tante, die sie über ihre Visionen verfasst hat«, eröffnete er ihr, wurde jedoch durch ihr grünmeliertes Kunstwerk abgelenkt.
»Die Kleider sind wirklich hübsch geworden«, bemerkte er anerkennend, »hat Ragin dich bei einem Schneider in die Lehre geschickt?« Er klemmte sich den Bücherstapel unter einen Arm, um mit der anderen Hand den Stoff ihrer Jacke zu befühlen.
»Nein, das durfte ich alles in dem Konvent lernen. Zum Glück betreiben die Menschen hier nicht so einen Aufwand mit ihrer Kleidung, wie in Duria. Rüschen annähen habe ich gehasst und ich finde sie hässlich.« Durch diese Worte glaubte Ella das Höflichkeitsthema beendet. Sie blickte neugierig auf die gravierten Ledereinbände.
»Du warst in einem ehemaligen Tempel der Sháne?« Ella wusste inzwischen, dass es in früheren Zeiten einen Druiden-Orden mit diesem Namen gegeben hatte. Ein Dokument, das ihr verbotenerweise in die Hände gelangt war, hatte darauf verwiesen. Jetzt bekam es einen Sinn für Ella. Es wurden Anwesen auf den Plätzen errichtet, die den Göttern geweiht gewesen waren, bevor die alte Religion verboten worden war. Sie trugen noch immer den ursprünglichen Namen. »Der Konvent, in den Ragin mich abgeschoben hat, war eine Schule für Töchter von wohlhabenden Bürgern und Großbauern. Das Wort hat mit seiner Herkunft nicht mehr das geringste gemein. Spinnen, nähen, kochen, Benimmregeln all das durfte ich dort lernen.« Ihr Vater nickte. »Ich hörte davon. Dann kannst du froh sein, dass du nicht früher verheiratet werden solltest.« Énri betrachtete sie. Die Erinnerungen an Duria weckten unliebsame Gefühle in ihr. Ihr Vater drehte sich um, legte die Bücher auf dem Schreibtisch ab und zog einen zweiten Stuhl heran. Sie setzten sich.
Von den Fensterscheiben zur Holzplatte verliefen changierende goldene Bänder, die feine Staubkörner langsam schwebend zu sich herauf lockten. Das romantische Bild verklärte Ellas Erinnerungen, zu unwirklich erscheinenden Traumgespinsten.
»Du solltest wissen, dass sich deine Tante das Leben genommen hat.« Énris Worte schreckten Ella auf. Sie blickte in das freundliche Braun seiner Augen, die sie im Gegenzug zu der klaren Aussage sorgenvoll musterten.
»Du denkst, dass ich etwas mit den Tagebüchern anfangen kann? Hast du sie gelesen?«, fragte Ella ihren Vater.
»Ja, ich habe versucht, sie zu studieren.« Er warf einen kurzen Blick auf das Bündel und schob es auf ihre Seite der Schreibtischplatte. »Doch es war mir nicht möglich, etwas Sinnvolles daraus abzuleiten. Ich bin mir auch nicht sicher, ob du es kannst. Runa meint, es wäre den Versuch wert.«
»Ich bin, ehrlich gesagt, sehr neugierig darauf.« Ellas Ausführung, zu der sie eben ansetzte, wurde durch lautes Wiehern unterbrochen. Beide erhoben sich für eine bessere Sicht in den Hof.
»Diurán«, entfuhr es ihr. Sie sah einen flammenden Rotschopf unter dem Rand der Kapuze des Reiters hervorzüngeln.
In der Diele angekommen, traf Ella auf sein feurig frivoles Grinsen. Sie strahlte zurück. Eine kräftige Umarmung, die sie auf die morgendlichen Torturen stieß, zwang erstickte Laute aus ihr heraus.
»Ist diese Begrüßung zu heftig für eine feine Durierin?«, fragte er. Die Mundwinkel begannen sich bis zu den Ohren auszudehnen.
»Muskelschmerzen«, murrte Ella, »Runa will, dass ich kämpfen lerne. Und ich bin ganz sicher keine feine Durierin«, setzte sie mit scharfen Unterton nach. Selbst Diuráns Gesichtszüge blieben einer gewissen Norm unterworfen. Er lockerte sie in dem Moment mit einem geräuschvollen Lachen auf.
»Entschuldige«, erwiderte er, »das hast du mehrfach bewiesen. Ich kann mir nur kein Bild davon machen, was du in diesem Konvent getrieben haben magst, den Llew erwähnte.«
»Hast du von ihm gehört?«, wollte sie hastig wissen. Die Nennung seines Namens förderte ihre sorgfältig verdeckte Sehnsucht zutage.
»Das habe ich in der Tat.«
In Ella brach Chaos aus. Diurán schenkte ihren geweiteten Pupillen ein ungeniertes Zwinkern. Er wendete sich der Begrüßung ihrer Eltern zu. Die Seherin, zu aufgeregt zum Sitzen, überfüllte den Wohnzimmertisch mit einer übertriebenen Vielfalt an Leckerbissen. Sie wollte ihren Besucher in Erzähllaune versetzen und sich eine Ablenkung verschaffen. Zu ihrem Ärger bewirkte das Angebot eine längere Redepause bei ihrem Gast, der seinen Mund mit Kauen in Bewegung hielt. Die kurzen Unterbrechungen nutze ihre Mutter, um sich über die Lage der Flüchtlinge aus dem Grenzgebiet zu informieren.
»Sie haben inzwischen viele Großbauern auf der anderen Flussseite verpflichtet, Soldaten aufzunehmen und im Winter zu versorgen, damit sie ihre Truppen nicht zurückziehen müssen«, erklärte Diurán ihr, »hinzu kommen die Plünderungen auf unserer Seite. Das Delta ist schlimm verwüstet. Die verlassen Höfe niedergebrannt.« Seine erboste Miene erweckte in Ella den Eindruck, dass er sich auf dieser Seite der Krenn die alleinige Kontrolle über das heiße Element wünschte. Die Ausführungen beunruhigten sie.
»Vanadis sagte, die Grenze wäre nach der gewonnen Schlacht einige Zeit sicher«, erwähnte sie vorsichtig.
»Damit hat der alte Adler auch recht. Sie wollen uns schwächen. Es gibt keine Hinweise auf größere Truppenbewegungen. Wenn es diesen Winter in Cáelán-Ait eine Hungersnot gibt, weil viele Bauern ins Landesinnere fliehen, haben sie im Frühjahr leichteres Spiel.« Diurán unterbrach sich für einen weiteren Bissen. »In den großen Städten Durias am Meer leben mehr als genug wehrfähige Menschen. Wenn sie die mobilisieren, dann stehen sie nach dem letzten Frost ganz schnell hier oben im Norden vor eurer Haustür.«
Ella starrte ihn entgeistert an. Sie hielt es auf dem Stuhl, auf dem sie sich kurz zuvor widerstrebend niedergelassen hatte, nicht mehr aus. Hilfsbereit erhob sie sich, um Brot aufzuschneiden.
»Das ist lecker. Ich hätte gerne das Rezept, dann weiß ich endlich etwas Sinnvolles für die ganzen Kürbiskerne aus Ayrîns Gemüsegarten.«
Mit einer Hand schob Ella eine Tonschale näher an seinen Platz. »Die Schafskäsecreme ist auch mit Kürbiskernen,« klärte sie ihn auf. Gleichzeitig fragte sie sich, wie er bei diesem Thema ans Essen denken konnte. In ihrem eigenen Magen baute sich seit Gesprächsbeginn ein stetig steigendes flaues Gefühl auf. Vor der Schlacht war sie davon ausgegangen, langsam eine Ahnung zu bekommen, was der Kriegsschrecken mit ihrem Heimatland anstellte. In den letzten Winterwochen nach ihren aufwühlenden Erlebnissen war sie etwas zur Ruhe gekommen. Sie hatte kaum mehr einen Gedanken daran verschwendet, wie es weiter gehen würde. Die Grenze war verteidigt worden. Natürlich nicht für immer. Dass es nicht einmal über die kalte Jahreszeit eine Entspannung der Lage geben sollte, führte ihr drastisch vor, wie naiv ihre Vorstellung davon geblieben war.
»Connair muss mit seinen Leuten ans Delta«, fuhr Diurán fort, nachdem er eine Ecke Kürbiskernbrot in die Kürbiskernschafskäsecreme getunkt hatte, »Cûgûrins Elfen unterstützen uns an den Bergpässen. Wir sollten in der Lage sein, sie sofort zurückdrängen. Die Vorbereitungen des Untergrunds sind gut. Es wird auf unserer Seite nicht so schnell zu einem Versorgungsengpass kommen, wie sie denken.« Er nahm einen Happen und nickte Ella schmatzend zu. Vermutlich um damit ihren kulinarischen Vorschlag zu würdigen. Sie lehnte abwesend an der Fensterkante. Diurán, ihre Mutter, ebenso Llews Vater würden sich gemeinsam mit ihren Milizen wieder in Todesgefahr begeben. Auf ein Mal wich das grelle Licht der tief stehenden Wintersonne, das neben ihr durch die Glasscheibe fiel, einem fahlen Grau. Ella spürte einen ätzenden Druck in der Speiseröhre aufsteigen. Hastig entschuldigte sie sich. Die Panik zurückdrängend lief sie vor die Tür. Vhochâls Schleier hob sich – und Llew war nicht da, um sie zurückzuholen, falls sie in die Anderswelt hinüber glitt. Dieser Umstand verstärkte ihre Furcht. Verschreckt beobachtete Ella, wie sich der Grauschleier um sie herum ausbreitete. Das konturlose Halbdunkel griff nach ihr. Von einem breiten Pfahl der angrenzenden Schafskoppel nahm sie eilig eine Handvoll Schnee auf und kühlte sich damit das Gesicht. Die körperliche Reaktion auf die Kälte brachte ihr Klarheit. Sie atmete tief durch. Etwas gestärkt murmelte sie die Worte, die sie im Wald zusammen mit Jesmia erdacht hatte, um ihren Blick bewusst auf eine der beiden Welten zu lenken. Langsam beruhigte sie sich. Mit der schwindenden Angst wuchs die Kraft der Sonnenstrahlen beständig an. Dieses Mal war es ihr gelungen, sich der Anderswelt alleine wieder zu entziehen. Es wird wieder schlimmer, dachte Ella. Sie war besorgt über ihren Zustand, doch vor ihren Eltern wollte sie sich nicht eingestehen, dass Vhochâls Flüstern lauter wurde, je mehr Zeit verging oder je länger sie Llew getrennt war? Die Idee, ihre Mutter für eine Vision zu begleiten, die ihren Freunden bei ihrem Einsatz im Süden hilfreich sein könnte, verwarf sie angstvoll.

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